kleinlîcheit
stF.
‘Feinheit, Zartheit’ (lat. subtilitas):
daz diu sêle in allen dingen ist, daz ist an irre kleinlicheit, daz si an
allen dingen gesîn mac, unde si berüeret sie niht noch enwirt von in berüeret
Eckh (Pf)
511,39;
also ist och in der sele ein kleinlicheit, dv̍ ist so lvter vnd so zart
Eckh
2:460,1.
2:459,8.
2:460,4
MWB 3,1 341,24; Bearbeiter: Richter
kleinlistic
Adj.
‘scharfsinnig, listig’, Glossenbeleg des 12./13. Jh.s s. AWB 5,242
MWB 3,1 341,31; Bearbeiter: Richter
kleinlistigære
stM.
‘(arg-)listiger Mensch’, Glossenbeleg des 13. Jh.s s. AWB 5,242
MWB 3,1 341,33; Bearbeiter: Richter
kleinlistige
stF.
‘Scharfsinn, List’, Glossenbeleg des 12. Jh.s s. AWB 5,242f.
MWB 3,1 341,35; Bearbeiter: Richter
kleinlût (?)
Adj.
‘zierlich’
diu kleinen voglîn / singent in dem paradîs, / der stimm ist
klein, lût und lîs [l. kleinlût unde lîs? vgl.
Anm.z.St.]
EnikWchr
1248
MWB 3,1 341,37; Bearbeiter: Richter
kleinmuot
Adj.
‘kleinmütig, verzagt’, hier subst.:
uon diu sône uvrthen [l. vurhten
] in nieht die clainmuͦten TrudHL
41,30
MWB 3,1 341,41; Bearbeiter: Richter
kleinmuotic
Adj.
‘kleinmütig, verzagt, von geringer Entschlusskraft’ (auch subst.):
jeidoch mit maze tuͦn man alle dinc. durch di clemuntigin [l.
clenmutigin, übers. pusillanimes
]
BrHoh
48;
wer sein augöpfel her für pauzend hât mit der ganzen grœzen
der augen, der ist klainmüetig BdN
45,2
MWB 3,1 341,44; Bearbeiter: Richter
kleinmuoticheit
stF.
1
‘Kleinmut, Verzagtheit, geringe Entschlusskraft’
2
‘Demut’ (vgl.
kleine
Adj. unter 3.2 ) 3
‘Starrsinn, Unbelehrbarkeit’
1
‘Kleinmut, Verzagtheit, geringe Entschlusskraft’
dô von sterkit iz daz gemute und machit iz grôz und trîbit von ime alle
kleinemutikeit HvFritzlHl
159,29;
wenn diu melancoli ain oberhant nimpt
[...], sô kümpt dem menschen sweigen und betrahten, und
swærikait, wainen und trâkheit, vorht und sorg und klainmüetichait
BdN
31,3;
PsM
54,9;
SiebenTodsünden III
329
2
‘Demut’ (vgl.
kleine
Adj. unter 3.2):
alle die gewore selikeit die gelit an rechter gelossenheit,
willeloskeit; dis wirt alles geborn us dem grunde der kleinmuͤtikeit: do wirt der
eigen wille verlorn [...]. ie
kleiner [demütiger] , ie minre willen
Tauler
348,31
3
‘Starrsinn, Unbelehrbarkeit’
vil hârs auf den schultern und auf dem hals bedäut
klainmüetichait und widerstreben oder widerspenichait, alsô daz den menschen niemd
leiht bekêrt von seinem fürsatz BdN
43,2
MWB 3,1 341,50; Bearbeiter: Richter
kleinmütte
stN. (?)
Getreidemaß:
fronmutt pringt 12 mutt der chlainmutt u. 8 mutt habern DRW
7,1080
(MittSalzbLk.; 14. Jh.)
MWB 3,1 342,4; Bearbeiter: Richter
kleinnæsic
Adj.
‘eine kleine Nase habend’
dy sint alle anbeter der apgote [...] und sint vet
und kleynesik sam dy affin MarcoPolo
19,14
MWB 3,1 342,7; Bearbeiter: Richter
kleinôt
stN.
stF. (
Ottok
79451;
HvNstAp
13611
); auch -at (
HvBurg
5457
), -et/-ät/ æt (
PrGeorg
17,6;
EnikWchr
8114;
HvHürnh
25,1;
Ottok
20361
), -it/-eit (
UrkRegensb
724
(14. Jh.)
); Pl. auch -er (
Tauler
52,6;
PrGeorg
18,12
), diese Form aber auch als Sg. (
Tauler
152,10;
Mechth
1: Reg. 46
u.ö.).
1
‘Kleinigkeit’ (vgl. Schiller/ Lübben 2,479) 2
‘Kostbarkeit, Kleinod’
2.1 wertvolle, fein gearbeitete Sache 2.1.1 allg. 2.1.2 als Zierat, Schmuck 2.1.3 als Geschenk, Gabe 2.1.3.1 von ungewöhnlichen Gaben 2.1.3.2 als Minnepfand o.ä. Zeichen der Verbundenheit, z.B. Fingerring oder Ärmelstück der Dame, das an der Lanze des Ritters befestigt wird 2.2 von v.a. ideellem Wert 2.3 euphem. für die männlichen Geschlechtsteile 2.4 übertr.
1
‘Kleinigkeit’ (vgl. Schiller/ Lübben 2,479):
sô nimt sie allez, daz zu gerâde hôret; daz sint alle schâf und gense
[...] und alle wîblîche kleidere, vingerlîn, armgolt,
schapil [...] noch ist mangerhande cleinôte, al en nenne
ich es sunderlîche nicht, als bursten, schêren, spiegele, nizkemme SSp
(W)
1:24,3
=
SSp
35,21;
dise reine vrouwe clar / koufte aller hande kindes spil, / kruseln, fingerline
vil, / di gemachet werden / von glase unde ouch uz erden, / unde ander cleinode
gnuͦc, / daz die reine frouwe druc / in ir ummecleide / nach suzer mildekeide / uzer
Isenache / den kinden zu gemache / unde ouch zu kurzewile Elis
3613.
3627
2
‘Kostbarkeit, Kleinod’
2.1
wertvolle, fein gearbeitete Sache
2.1.1
allg.:
nu virbarc Rachel also / das selbe
kleinoͤde [Götzenbilder] biir
RvEWchr
6500;
da hieß sy tragen her füre /
[...] / ain klainot, di was groß: / di welt hat
nit ir genoß. / es was ain stain flamen var, / als ain liechtes fewr klar. /
er was groß als ain kopf HvNstAp
13611;
des kunicrîches kleinât, / zepter, krône unde swert
Ottok
87337;
dicz schon puchslein, / da sol klainat inne sein: /
dew edel lavande [Lavendelsalbe] / die sy mit ir
hande / under ir antlucz straich HvBurg
5510;
StRAugsb
187,27
2.1.2
als Zierat, Schmuck:
do hette Hector / schone kleinote, / steine harte
rote, / grune vnd wizze, / gemachet wol mit flizze / in daz silber vnde in
daz golt Herb
8189;
der konig gewan Banin sere lieb und gab im schöne
cleyder, cleynote und anders gutes viel Lanc
117,5;
sende mir den cleinen schrîn, / dâ mîniu cleinœde
inne sîn / und mîniu cleider dâ mite Tr
10760;
nu wart der eine des gewar / daz er in der nider
wete / einen bruch gurtel hete / von siden und von golde. / er sprach: ein
munich niht solde / tragen sulich kleinode Rennew
36035;
GTroj
20283;
EnikWchr
11734;
Tauler
154,30;
Helmzier:
vnser cleinode von vnserm helme: die wizzen ynfel mit zwain zopfen,
vnd ietweder horn oder spitz gezieret mit einem boschen von pfawens vedern
UrkCorp (WMU)
788,11
2.1.3
als Geschenk, Gabe:
durch daz si wârn gerüstet wol, /
[...], / daz in nihtes enbrast / des ie dehein
vremder gast / durch cleinôt [
‘als Geschenk, zum Verschenken’
] ûz brâhte UvZLanz
8563;
in tausent jaren seyt / ward nie so schone hochtzeit.
/ clainat ward da gegeben: / solt ich hundert jar leben, / so ward so
reichleiche nie / gegeben als man dete hie HvNstAp
13425;
alt unde junc, man unde wîp / enpfienc ir
[Helenas] wunneclichen lîp / mit cleinœt und
mit gruoze KvWTroj
23177;
ouch lie si ir vrouwen / diu kleinôt schouwen / diu
ir her Gwîgâlois gewan, / [...] daz phärit
[...] den sitich und den hunt
Wig
4029;
StatDtOrd
105,5;
KvHeimHinv
386;
RvEWchr
7641
2.1.3.1
von ungewöhnlichen Gaben:
ich han durch aller frowen pris / ain
clainett [die Köpfe zwei erschlagener
Riesen] ze lande brachtt: / da mit ich niemans han
gedacht / won der jungen kaysserin, / dü sol da mit geerrett sin
GTroj
7117;
den tiufeln ez geworfen wart. / dô wart niht
lenger gespart, / si spilten da mit des bales schôn / und hêten in diu
kleinet [die abgeschnittenen Körperteile des
Papstes] ze lôn EnikWchr
22670
2.1.3.2
als Minnepfand o.ä. Zeichen der Verbundenheit, z.B. Fingerring oder
Ärmelstück der Dame, das an der Lanze des Ritters befestigt wird:
‘nu wil ich, herre’, sprach sie, ‘das ir myns
kleynotes mit uch furet; seht hie diß fingerlin und furt es mit uch zu
einem wortzeichen das ir myn hercz mit uch furt.’ Lanc
393,25;
ir sult mir eine stuchen
[Ärmel] geben / zv eime kleinote. / des
darf ich zv note, / daz man erkenne da bi, / daz ich ein frowen ritter
si Herb
9510;
Gaweynen sie jren ermel lie / hie nydden zü einem cleynot
Krone
18016;
den gu̍rttel er ir snelle bot / vnd bat, daz sie jn ir zuͦ cleynot
/ von yme haben solt ebd.
23308;
Parz
134,19.
373,18
2.2
von v.a. ideellem Wert:
er gie hin ab, und behielt daz fuͦstuͦch [mit
dem ihn eine Stimme verglichen hatte] vil jaren als sin liebes
kleined Seuse
58,14
2.3
euphem. für die männlichen Geschlechtsteile:
daz selbe pulver [...] heilet di
trorinden wunden, unde nemeliche di wunden an dez mannez cleinote
Macer
59,11
2.4
übertr.:
vride ist daz beste clainoͮde, daz got ie vf daz ertriche gegap
PrGeorg (Sch)
19,165;
das cleinoͤter heisset des herzen lust
Mechth
1: 42,1;
scham, laster, spot ist unser leben, / dise drew klainat
wir auch geben / allen den die wir weisen, / damit wir sy preisen. / die uns da
volgent, was habent die me / dan scham, laster, spot und we?
HvBurg
5902
MWB 3,1 342,10; Bearbeiter: Richter
kleinôtlîn
stN.
‘kleine Kostbarkeit’, hier für Waffen und Wasserkrug, die David dem
schlafenden Saul entwendet hat (I Sm 26):
füer disiu kleinôtlîn / Saulen hin, dem sweher mîn. / dâ bî
sol im sîn bekant, / daz sîn leben stuont in mîner hant EnikWchr
10799
MWB 3,1 343,43; Bearbeiter: Richter
kleinphenninc
stM.
Geldablösung für kleindienest/ kleinreht:
ein muttel habern, dreizich ze pausteur, vier chlainph.
UrbNOÖst
296
u.ö.
MWB 3,1 343,49; Bearbeiter: Richter
kleinreht
stN.
geringfügige Abgabe, vgl.
kleindienest
:
una cum sex d. Treverensibus census vulgariter dicti cleinrecht
UrkMoselQ
502,30
(a. 1335);
gent si 16 omen und klein reht DRW
7,1082
(ZGO, Anf. 14. Jh.)
MWB 3,1 343,52; Bearbeiter: Richter
kleinschüʒʒic
Adj.
‘Knospen/ Triebe hervorbringend, sprießend’ (zu
1schoʒ
stN.):
so sin [des Feigenbaums] este
iezvnt chleinschüzzik wirt vnd sin bleter geborn werdent [
cum iam ramus eius tener fuerit et nata fuerint folia Mc
13,28]
EvAug
112,15
MWB 3,1 343,57; Bearbeiter: Richter
kleinshabere (?)
swM.
unklar, ob Kompositum.
Bezeichnung einer Haferabgabe:
de predictis bonis avene [...] dicte kleinshabern
XII. mod. UrbBayS
5,518
MWB 3,1 343,62; Bearbeiter: Richter
kleinspalt
stSubst.
feines Pelzwerk (s.a.
spalt
):
ein die schonsten frauwen von der werlt
[...] hett einen surkot an von pellel mit einer
feder [Pelzfutter, -besatz] von cleinspalt
Lanc
547,19
MWB 3,1 344,1; Bearbeiter: Richter
kleinunge
stF.
‘Verringerung, Schwund’
es waͤr cleinung von den froͤden Gottes Lilie
75,11
MWB 3,1 344,5; Bearbeiter: Richter
kleinvël|hitzerôt, -rôt
Adj. , -süeʒe
Adv. (?) , -wîʒ
Adj.
Reihe dichterisch-emphatischer Wortbildungen bei UvL auf
kleinvël- zur überhöhenden Beschreibung weiblicher Lippen bzw.
Haut:
– von zarten, leuchtend roten Lippen:
sô tuot mir vil fröiden kunt / ir kleinvelhitzerôter munt
KLD:UvL
32: 4,7.
41: 5,6.
29: 5,14;
wol ir kleinvelrôtem munde! ebd.
52: 4,1.
30: 1,6.
45: 3,5.
47: 7,2.
58: 5,1;
UvLFrd
519,30.
577,29.
–
kleinvëlsüeʒe adv. (‘in lieblicher Weise mit zarten Lippen’) oder
halbprädikativ?:
ir kleinvelsüeze redenter munt / tuot mir vil hôhe freude kunt
UvLFrd
575,31.
– von zarter, heller Haut (am Hals):
ir vil kleinvelwîzer hals, ir kinne, / munt, brâ, wängel,
ougen liht, / ist der minnen spiegel, dâ man inne / manger hande wunne siht
KLD:UvL
43: 6,1
MWB 3,1 344,7; Bearbeiter: Richter
kleinvüege
Adj.
1
‘zierlich, fein(gliedrig)’
2
‘dünnflüssig’
3
‘scharfsinnig, erkenntnisreich (?)’
4
‘gering’
5 auf die Stofflichkeit bezogen ‘fein, vergeistigt’
1
‘zierlich, fein(gliedrig)’
er mûste gar cleinfûge [Hs. cleine
fuge
] sîn / der sich dâ [in das dichte
Kampfgedränge] solde twingen în Kreuzf
1955;
ez [
ein gewant
] was von seiden geweben / mit chlæinvüegen [La.
chlæinen ovgen
] wiften [Geweben, Fäden]
Serv
527
2
‘dünnflüssig’
der [
colera (Gen.)] geit ein teil mit blute. unde machet iz
cleine fuge. also daz iz gevarn muge SalArz
3,49;
jst daz fleuma gesaltzin vnde cleine fuge, so wirt ouch si
gesalzen. jst aber daz fleuma dicke, so wirt diselbe melancolia unnaturlich ebd.
4,46.
2,35.
21,39
3
‘scharfsinnig, erkenntnisreich (?)’
des cleinfuͤgen meisters Liconiensis EngelbTr
69;
der cleinfueg meister Heimo ebd.
69
4
‘gering’
an gemeinen worten reht / und an urdruz [Unlust,
Überdruss] kleinvüege, / swâ man ez z ôren trüege
RvEAlex
8031
5
auf die Stofflichkeit bezogen ‘fein, vergeistigt’
viur als viur enbrennet niht: ez ist als lûter und als kleinvüege, daz ez niht
enbrennet Eckh
1:379,12.
3:167,5
u.ö.;
si wirt uswendig gekleidet mit dem geklerten libe, der siben
stunt liechter wirt denn der sunnen schin, schnel, kleinfuͤg und unlidig
Seuse
244,11
u.ö.;
er wart ouch alsô kleinfüege, er bedorfte enkeiner stat mê
PrNvStr
304,8.
286,32;
HvHürnh
46,9;
KvHelmsd
2805
MWB 3,1 344,23; Bearbeiter: Richter
kleinvüege
stF.
‘Feinheit’ (im Gegensatz zu grober Materie):
kleinfüegi bewîsete er [Christus] , dô er ûf dem
wazzer gieng und dô er von sîner muoter geborn wart, als der ein kint ûz dem vinger
zuge PrNvStr
304,17;
zwo genaden die zierent / dise trahte und florierent / snelheit vnd clein fœge
Martina
266,35;
KvHelmsd
3751
MWB 3,1 344,49; Bearbeiter: Richter
kleinvüegic
Adj.
‘zart, fein’
der wein, [...] des weinper süess
sind vnd wol zeitig vnd chlainfugig [
subtilis aeris
‘von feinem Duft’
] , vnd nicht ab gelesen wirt, pis daz heraus get di sterkch seiner
substancz, der wein ist süzzer vnd lobleicher HvHürnh
52,6
MWB 3,1 344,56; Bearbeiter: Richter
kleinvüegicheit
stF.
‘Feinheit’ (im Gegensatz zu grober Materie):
wie mit grosser minne er von himelriche uf ertrich küme und mit welher
clainfüegket er in unser frowen lip kem EbnerMarg
99,17;
der engel zuo den houbeten bezeichent almehtekeit gotlîcher majestâte, der zuo
den füezen kleinfüegekeit irre wesenheit Eckh (Pf)
661,37
MWB 3,1 344,62; Bearbeiter: Richter
kleinvüegiclîche
Adv.
‘klein, winzig’
wie mag daz sin in der natur, daz ein grozes hus sich
erbildet in einem kleinen spiegel [...] ? oder wie mag daz
sin, daz sich der groz himel als kleinfuͤgklich truket in daz klein oͮge, und doch
an der groͤzi einander unglich sint? Seuse
292,10
MWB 3,1 345,5; Bearbeiter: Richter
kleinvüegunge
stF.
‘Feinheit’ (im Gegensatz zu grober Materie):
si [die Seele] sol sô gar ze nihte werden an ir
selben, daz dâ niht enblîbe dan got, [...] unde daz si mit
der selben cleinfüegunge, diu got ist, flieze in allez daz, dar got êweklîche in got
vliezende ist Eckh (Pf)
505,7.
509,20
MWB 3,1 345,11; Bearbeiter: Richter |