ketenîn
Adj.
‘aus Ketten bestehend oder mit Metallringen versehen’
ir troien [Wams, vgl. ketenwambîs
]
[...] / dicker denne ein hant und beidenthalben ketenîn
Neidh
WL 14:2a,10
MWB 3,1 230,3; Bearbeiterin: Baumgarte
ketenlîn
stN.
auch ketenli.
Dimin. zu
ketene
‘kleine Kette’
sî sach obe in schînen / einen himel mit ketenen guldînen: / an iegelîchem
ketenlîn / ein zimbel oder ein glöckelîn Tund
1899;
catella: kettenlin, kettenli VocOpt
18.023
MWB 3,1 230,7; Bearbeiterin: Baumgarte
ketenlœse
stF.
‘Erlösung aus den Ketten’, als Bestandteil einer Datierung nach dem Fest
‘Petri Kettenfeier’ (vgl.
ketenvîre
):
do von Christes gebvrte vergangen waren drevzehen hvndert jar in dem sibenden
jar. an dem nehesten tage nach sande Peters tage ketenlose UrkHohenz
2,295
(a. 1307)
MWB 3,1 230,12; Bearbeiterin: Baumgarte
ketenvîre
stF.
‘Petri Kettenfeier’, 1. August, der Tag, an dem Petrus aus dem Kerker in
Jerusalem befreit wurde (Act 12,5 -10):
diz ist gescheen nach Christes gebvrte tavsent jâr zweihunder jâr in dem nivn
vnd nivnzegestem jâre an sand Peters tage kethenveire UrkCorp (WMU)
3436,9;
den altenn sit danne / verdringt der newe sit, / das die welt
nach ïr czeit / die chetten veyr [Petri] begent / und von
des chaisers veyr stent [fern bleibt]
Märt
14740
MWB 3,1 230,18; Bearbeiterin: Baumgarte
ketenwambîs
stN.
‘Wams, das aus Ketten besteht oder mit Metallringen gepanzert ist’
ich sach [...] / einen knappen, der het an / ob einem
ketenwambîs guot / einen roc nâch sînem muot Helbl
1,311;
dar nâch gap daz getriuwe wîp / ir lieben sune an sînen lîp / ketenwambîs unde
swert: / des was der jungelinc wol wert Helmbr
149
MWB 3,1 230,28; Bearbeiterin: Baumgarte
kettelinc
stM.
eine Fischart (vgl. einen weiteren Beleg FWB 8,832):
der hof ze Agren [...] giltet jerglich ze vogtrecht
[...] 400 roten [Fischart mit roten
Kennzeichen] , die mit enander wert sin suln 2 phunt und 8
schillinge, 400 kettelinge, die alle mit enandern 5 phunt wert sin suln, und 16 ele
[Aale] , der jeglicher 6 phenning wert sin sol
UrbHabsb
1:152,9
MWB 3,1 230,35; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzer
stM.
jmd., der Glaubensgrundsätze vertritt, die von der (durch die röm.-kath. Kirche
vertretenen) Auslegung der christlichen Heilsbotschaft abweichen, ‘Ketzer’
(vgl. LexMA 4,1933-37 s.v. Häresie):
chetzer, iuden und heiden / dunchent uns die got leiden, /
wand si des glouben niht enhant. / swie groze sunde si begant, / so sint ir sunde
doch ein wint / wider die verlorn christen sint StrKD
112,1;
HvNstGZ
6528.
– in Rechtstexten (vgl. differenzierter mit weiteren Belegen DRW
7,795-797):
ketzer haizzent die laͤut, die an dem gelauben mit willen irrent, oder einen
valschen wan habent von dem gelauben, vnd dem fraͤveleichen volgent, vnd sich niht
wellent lazzen weisen RechtssA
K18,1;
auch ist der ein ketzer, der die heiligen geschrift anders verstet vnd si
bedaͤuttet, dann si die heiligen lerer auzlegent ebd.
K18,9
u.ö.;
unde ist, daz ein chetzer wirt gevangen umbe ungelauben unde
wirt den phaffen geantwurtet, wirt der bewaert, den sol man dem vogte antwurten mit
libe unde mit gute, unde sol der uber in rihten mit der
hurt [Scheiterhaufen] , unde swaz gutes bi im begriffen
wirt daz ist des vogtes StRAugsb
106,32
(Verbrennen von Ketzern auch:
Elis
4004;
WälGa
12685;
Mai
165,27;
Ottok
45501.
86037
);
Ausschluss von gerichtlichen Funktionen:
er [der Richter] sol auch niht jude
sîn noch ketzer noch heiden; er sol ein êkint sîn; er sol auch niht lam sîn an
handen noch an füezen SpdtL
148,6;
chint, div nit ze ir tagen komen sint [...],
verbannen livte vnd verehte livte vnd chezzer vnd maineide livte, die des vor
gerihte vber zivget sint, die mvgen alle nit gezivc sin SchwSp
10b.
– pseudoetymol. Herleitung der Bezeichnung von ‘Katze’ (Symbol der
Falschheit und des Verrats):
er hiez in einen ketzer. daz tet er dar umbe, daz er sich gar wol heimelîchen
gemachen kan, swâ man in niht wol erkennet, als ouch diu katze
PrBerth
1:402,21.
1:403,6.
– Ketzer sind gefährlich, weil nur Gelehrte sie erkennen können:
nû wachet, edele cristen, wachet, / daz uns der leiden ketzer rât / iht
scheide von der trinitât RvZw
88,10;
nút underwindent úch zuͦ hoher wisheit,
[...], und lant die hohen pfaffen darnoch studieren und
disputieren, [...] umb der heiligen kirchen willen, obe sú
in not keme mit ketzern; aber daz si úch verbotten Tauler
115,5;
Märt
4942;
SchlierbAT (LS)
1,78;
Brun
11652.
– im Vergleich:
wer ouch were der sich [in Indien] nicht wusche,
der wurde gehaldin sam eyn keczer MarcoPolo
62,12
MWB 3,1 230,43; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzergeloube
swM.
nicht mit der kirchl. Lehre übereinstimmender christl. Glaube, ‘Irrglaube,
Häresie, Ketzerei’ (vgl.
ketzer
):
unde dâ stêt [...]gar wol in dem sermone
[...] wie man ûf den rehten gelouben reden sol unde wie
der ketzergeloube schînet als ein fûlez holz PrBerth
1:250,22
MWB 3,1 231,29; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerheit
stF.
‘Ketzerei, (von der kirchl. Lehre abweichende) Irrlehre, Häresie’
Lambarten glüet in ketzerheit, war umbe leschestû
[Papst] des niht, / sint daz man der dîner schâf sô
vil in ketzervuore siht? WernhSpr (Z)
35,4;
sus wart kristen gloube / gehœhet und geêret, / und die sich heten verkêret /
mit irresamer ketzerheit, / die burgen sich und was in leit LvRegFr
2602;
Märt
482
MWB 3,1 231,35; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzeric
Adj.
→
ketzerige
stF.
MWB 3,1 231,43;
ketzerîe
stF.
von der kirchl. Lehre abweichender christl. Glaube ‘Ketzerei, Irrglaube,
Häresie’ (vgl. LexMA 4,1933-1937 s.v. Häresie; LThK 5,1415f. s.v.
Ketzerbewegungen):
ez wuchs ein ketzerie an in, / ein ungeloube unbehende
Vät
38384;
daz andere sint grôze meistere di di schrift al zu nâhe dûten
[...]. aber ungelêrte pfaffen di nemen si zu wîte und
zu grop. dar umme ist komen ûz disen zwên alle kezerie und ungloube
HvFritzlHl
1:33,39;
ez gêt niht weges zem himelrîche ûz der heidenschaft noch ûz der jüden ê, noch
ûz der ketzerîe PrBerth
1:357,8;
der [
manger slahte sünden
] ich ein teil wil künden. / hôchvart, gîtekeit, / unkiusch und
vrâzheit, / zouber unde ketzerî BuchdRügen
183;
zu hoher predegunge / was er [Konrad von Marburg, einer der
ersten Inquisitoren] al zu wol bereit, / ein minner guder
cristenheit, / ein echter [Verfolger] ketzerie / mit
strenger jagerie Elis
3975.
– in Rechtstexten (vgl. differenzierter und mit weiteren Belegen DRW
7,797f.):
uber swen umbe die ketzerie gerihtet wirt den sol man brennen
StRAugsb
108,27;
swer von der ketzerie komen wil, den sol man enphahen; ez sol der bischof
sinen eit offenlich nemen, also daz er von der ketzerie kere SchwSp
137a
MWB 3,1 231,44; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerige
stF.
‘Ketzerei, Häresie’
dis nemment tumbe affehte lúte fleischlichen und sprechent,
sú súllent gewandelt werden in goͤtteliche nature, und das ist zuͦmole boͤse
valsche ketzerige Tauler
121,28;
[Gott] erhorte dez keisers bet / vber die ketzerige groz
/ ir anevanc er gar besloz / ir mittel und och ir ende Martina
287,57.
– zur Bezeichnung von abweichendem und von der Kirche nicht geduldetem
Sexualverhalten (vgl. auch FWB 8,839. 842; Anm.z.St.: ‘Sodomie’); wohl oft
Homosexualität:
vmb ein kezzerige vnd vmb allez das, daz dem man den lîp genemen mag, da sol
ein herre einen vmb vahen vnd einem lantgericht antwrten WeistAarg
21
(a. 1348)
MWB 3,1 232,5; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerinne
stF.
‘Ketzerin’ (vgl.
ketzer
):
ketzer oder ketzrinn, wenn sich die wellnt bechern, so sol er dem pischolf
oder dem ketzermaister verswern allen irrtum RechtssA
K22,4.
– übertr. ‘Vertreterin gefährlicher und verderblicher Lehren’
thuet solhes nit [veranlassen, dass der König
Inzest mit seiner Tochter treibt] , das ist mein ratt: / (psäch,
Mynne, ir sult euch sere schamen) / ir verlieset anders ewren namen. / ir sult
nicht, fraw Mynne, / werden ein ketzerynne HvNstAp
163
MWB 3,1 232,19; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerisch
Adj.
einer christl. Irrlehre zugehörig, ‘ketzerisch, häretisch’ (vgl.
ketzer
,
ketzerîe
):
si jên er [Christus] het ein
lîchnam rein / von edler himelischen art, / [...] / mit der
rede si nicht bestên, / wan si ist valsch und unrecht / und ein ketzerisch gebrecht.
/ swaz dô mechte bewêren / di wârheit an unserm hêren / natûrlicher menscheit / daz
was allez an in geleit JvFrst
3730
MWB 3,1 232,29; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerkint
stN.
‘Kind eines Ketzers’ (vgl.
ketzer
):
des êrsten sint alliu diu kint, diu âne touf ersterbent, jüdenkint unde
heidenkint unde ketzerkint, diu dannoch umbe den gelouben niht wizzent und alsô
sterbent ê daz sie den ungelouben begrîfent an dem herzen, und aller kristenliute
kint, diu âne den heiligen touf ersterbent: diu varnt alle an eine stat, diu heizet
Limbus und ist vor der helle PrBerth
1:126,24
MWB 3,1 232,37; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerlich
Adj. , -lîchen
Adv.
1 einer christl. Irrlehre zugehörig oder ihr anhängend, ‘ketzerisch,
häretisch’ (vgl.
ketzer
,
ketzerîe
) 2 zur Bezeichnung von abweichendem und von der Kirche nicht geduldetem Sexualverhalten (vgl. auch FWB 8,839. 842), hier in Bezug auf eine inzestuöse Beziehung
1
einer christl. Irrlehre zugehörig oder ihr anhängend, ‘ketzerisch,
häretisch’ (vgl.
ketzer
,
ketzerîe
):
si sprachen [vor Gericht] , er macheti buͤcher. an
den stuͤndi falschú lere, mit der alles lant wurdi verunreinet mit kezerlichem
unflat Seuse
68,23;
wilt du die werk gemeine / elleu lazen under wegen, / der die
geloubigen sullen pflegen, / daz ist ein chetzerlicher mut StrKD
4,503.
4,482;
die ketzer sieht man weinen, / die bosen und die unreinen, /
die valschen muͦnsere [Münzer] , / dez glauben velschere. /
in die cristenheit sie haben / ir valsch ysen [um falsch zu
prägen] gegraben, / da sie valsch slahent mite / und rat nach
ketzerlichem site. / do von werdent sie geschant, / beide hie und dort gebrant
HvNstGZ
6535.
– adv.:
ir sult wizzen sicherlîchen / daz der lebet ketzerlîchen / der dâ wert mit
widerstrît / sîne bôsheit zaller zît / und den allez daz dunket guot / daz er
aller gernest tuot WälGa
11294;
Helbl
2,1259
2
zur Bezeichnung von abweichendem und von der Kirche nicht geduldetem
Sexualverhalten (vgl. auch FWB 8,839. 842), hier in Bezug auf eine inzestuöse
Beziehung:
daz in der fleischlîch vater sîn / mit sô heidenischen schîn
/ hêt bî der tohter sîn zwâr, / daz was ketzerlîchen gar EnikWchr
21880
MWB 3,1 232,46; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzermeister
stM.
‘Inquisitor’
chaͤm dann der chetzer maister, dem enpfolichen waͤr von dem pabst, oder von
dem pischolf, daz er solt suͦchen vngelaubig laͤut RechtssA
K18,31;
ketzer oder ketzrinn, wenn sich die wellnt bechern, so sol er dem pischolf
oder dem ketzermaister verswern allen irrtum, vnd daz er den gelauben staͤt well
halten ebd.
K22,6
MWB 3,1 233,8; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerpriester
stM.
ein Geistlicher, der selber Ketzer ist:
von checzer priesteren [Überschrift] . auch ain
bischolf oder ain pfaff, der ain checzer ist haymleich oder offenbar, wär
[erg.: er
] vber wunden mit vrtailen [...], der solt
nit die sacrament handelen vnd geben RechtssB
K22,18
MWB 3,1 233,16; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzervuore
stF.
‘ketzerische Lebensweise, ketzerisches Treiben’
Lambarten glüet in ketzerheit, war umbe leschestû
[Papst] des niht, / sint daz man der dîner schâf sô
vil in ketzervuore siht? WernhSpr (Z)
35,5
MWB 3,1 233,22; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerwîse
stF.
‘ketzerische Lebensweise, ketzerisches Treiben’
zem ersten begonde er [der hl.
Ulrich] vragen / den pristern sêre lagen / ob sie mit rehter lere
/ stuͦnden ze des livͦtes kere / [...] / darnach muͦsen die
leien / an den selben reien. / [...] / do er daz gemachete
allez sleht / symonîe vnd alle ketzer wise / virbot der witzige grise
Albert
758.
– übergehend zu ‘unrechte Sache’
san eine vͦrteil man ime vant / daz er vͦf dem evangelio
swuͦre / daz er nie irfuͦre / daz ketzer wise weͣre daz dinch / daz er daz bistuͦm
so entphiench Albert
1238
MWB 3,1 233,27; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzerwolf
stM.
Wolf, der in dieser Fabelauslegung als Ketzer gedeutet wird:
er [der Hütehund, hier als geistl. Lehrer gedeutet]
wachet dur den hêrren sîn. / ist er getriuw, daz wirt wol schîn, / üb er der schâfen
hüetet wol / vor ketzerwolfen, als er sol Boner
93,48
(zur Bezeichnung von Ketzern als Wölfe s.a.
WernhSpr (Z)
35,2f.
)
MWB 3,1 233,39; Bearbeiterin: Baumgarte
ketzîn
Adj.
‘von der Katze’ (aus einem Glossar zu Materialbez. von Leder und
Pelzen):
catinum: chezzin Gl
3:626,52
(BStK926)
MWB 3,1 233,46; Bearbeiterin: Baumgarte
ceucocrota
Subst.
→
crocota
MWB 3,1 233,49;
kevene
stF.
hier kevina.
‘Käfig’ (vgl.
kevie
; vgl. Etymol.Wb.d.Ahd. 5,442f.):
cavea: kebia, kevina SummHeinr
1:346,464
MWB 3,1 233,50; Bearbeiterin: Baumgarte
këvere
swM. , këver
stM.
1
‘Insekt, Käfer’
2 Blütenstand am Baum, ‘Kätzchen’ hier der Espe (unklar, ob hierher, weil sie
einer Raupe ähneln, oder als Frucht zu
kefe
‘Erbse, Linse, Schote’ )
1
‘Insekt, Käfer’
scharlabeus [d.i. scarabeus
] : khepher SummHeinr
2:481,379.1;
brucus [d.i. bruchus
] : kever ebd.
2:66,277
u.ö.;
dô tet er [Gott] in den dritten
slac / [...] / dô ir korn wart gesæt / und man daz sneit
unde mæt, / dô kômen der kevern [Heuschrecken] alsô vil, /
[...] / mit sô ungefüeger schar, /
[...] / daz ez daz korn allez az
EnikWchr
7757;
die kevern fliegent unverdâht, / des vellet maneger in ein bâht
[Unrat, Mist] . / der kever sich selbe triuget, /
swenn er ze hôhe fliuget Freid
146,9.
73,17;
Renner
16315;
Bîspel (G)
38,1.
– als Bestandteil eines Personennamens:
so han wir inen ze búrgen gegeben [...] Heinrich
den Keuer, Peter de vischer UrkCorp (WMU)
1651AB,19,17
2
Blütenstand am Baum, ‘Kätzchen’ hier der Espe (unklar, ob hierher, weil sie
einer Raupe ähneln, oder als Frucht zu
kefe
‘Erbse, Linse, Schote’):
nim [gegen Kopfschmerz] di keveren
di da wachsen an den aspen. vnde stoz di mit aldeme smere in einem morsere
SalArz
31,13
MWB 3,1 233,53; Bearbeiterin: Baumgarte |