genâdenarm
Adj.
‘gnadenfern, gottverlassen’
so ich mich selben als gnadenarm vant und ich von mime
grossen gebresten nút getorste hin fúr komen zuͦ dem tisch, da liep von liebe
sunder mittel gespiset wirt Seuse
428,6
MWB 2 444,29; Bearbeiter: Diehl
genâdenbære
Adj.
‘gnadenbringend, gnadenvoll’ (lat. gratia plena,
vgl. Salzer, Sinnbilder, S. 565ff.):
die priester schone enphiengent / Mariam und giengent / ze der
vil werden maget schar / und befulchen si mit trúwen dar, / umb das dú gnaden bære /
da ir gespile wære WernhMl
725
MWB 2 444,34; Bearbeiter: Diehl
genâdengunst
stF.
‘Gewogenheit, Wohlwollen’
dignatio: gnâdengunst, geruchunge VocAbstr
372
MWB 2 444,40; Bearbeiter: Diehl
genâdenhalben
Adv.
‘auf Seiten der Gnade’
ich wil genadenhalben stan / und gelaub ich doch an ayn got
Teichn
280,210
MWB 2 444,42; Bearbeiter: Diehl
genâdenhûs
stN.
‘Gnadenhaus’ (übers. lat. propitiatorium in der
Beschreibung der Bundeslade [ Ex 25,17-22]; vgl. LThK 2,794f.; hier bezogen
auf die gesamte Bundeslade ?):
iz waren di zwene cherubin, / di uf deme genadenhuse ho /
stunden so wir lesen in Exodo Brun
4461.
4463
MWB 2 444,45; Bearbeiter: Diehl
genâdenjâr
stN.
‘Gnadenjahr’ (bezogen auf das jüdische Jobeljahr, vgl. LThK
5,854ff.):
ist is, daz der vurste gebit eynim synir sone eyn huys, das
erbe blybit syn und synin sonen und sullin is besitczen erbiclichin. ist is abir,
daz er von synim erbe gybit etzwas eynim synir knechte, deme blibit is bis an das
genodinjar [
annus remissionis
] und kumt wydir
czu dem vurstin Cranc
Ez 46,17
MWB 2 444,51; Bearbeiter: Diehl
genâdenkalp
stN.
Kalb, das zur Erlangung der Gnade geopfert wird (bezogen auf Christus, in
Auslegung von Lc 15,23
vitulum saginatum, vgl. App. und Anm.z.St.):
mit dirr [vorangehenden] red ús,
herre, twing, / daz állú súntlichú ding / von ir [der
Welt] in úns ersterben / und wir mit ir erwerben / dich
gnadenkalb, daz vaist, / so daz si dich nu raisse / ze vatterlicher gúeti
SHort
4377
MWB 2 444,59; Bearbeiter: Diehl
genâdenrîche
Adj.
unklar, ob durchgängig Kompositum.
‘gnädig, gnadenvoll’
ist nit billich, daz ich disen himelschen gnadenrichen knaben
lieb habe Seuse
32,8.
137,14;
o gnaden richer, werder gott, / vertrib der starken túffel
kräfft MinneR37
239.
–
‘von Gnade erfüllt’
sin [des Jünglings Abraham]
gnadenrichez mere, / wie tugenthaft er were, / brach heruz und erschal / in der
wuste uberal Vät
30891;
eya lieber Jhesu, nu lone es inen allen lieplich, die mir hie
schenkent bitterkeit, wan si machent mich gnadenrich Mechth
2: 24,24.
– bezogen auf das Minneverhältnis:
ir sît doch genâden rîche: / tuot ir mir ungenædeklîche, / sô sint ir niht
guot Walth
52,12;
hilf, genâderîchez wîb! / herzentrût, mir sorge wende: / mîn
vil liebez lieb, daz guote, / ungenâde mir vertrîb! SM:KvL
22: 5,3.
9:4,4
MWB 2 445,3; Bearbeiter: Diehl
genâdenrîchkeit
stF.
‘Gnadenfülle’
eya, schoͤnú, minneklichú ewigú wisheit, dero
gnadenrichkeit nit glich ist in allen landen Seuse
151,7
MWB 2 445,20; Bearbeiter: Diehl
genâdenschüʒʒel
stF.
bildl. ‘Gefäß für den Empfang himmlischer Gnade’
kuͤnginne, [...] ! / wis mich
zu der kammer / mit diner wishait sluͤzzel, / daz mir gnaden schuͤzzel
/ dar inne gefuͤllet werde WhvÖst
14412
MWB 2 445,23; Bearbeiter: Diehl
genâdensol
stF.
‘Schuhsohle aus Gnaden’ (bildl. für göttl. Hilfe auf dem Weg
zum ewigen Leben, vgl. Anm.z.St. und Eph 6,15):
[sie] volgent dir ain horne [Einhorn als
Sinnbild Christi] / dur bremen, distel, dorne / des jamers dez dú
welt ist vol. / uf dine vart ain gnaden sol / got mir und in berait
SHort
3962
MWB 2 445,28; Bearbeiter: Diehl
genâdenstôʒ
stM.
‘Anstoß der Gnade’ bildl. für die Anregung zur Hinwendung zur
göttl. Gnade:
ein mensch in sunden groz, / dem got git einen gnadenstoz, /
daz er zuͦ gnaden keret / unde gotes willen leret Vät
30580;
nu vugete sichz, daz im [dem Schüler] quam / anz
herze ein genaden stoz, / in dem der werlde in verdroz, / di im swachte sin leben
MarLegPass
21,71
MWB 2 445,35; Bearbeiter: Diehl
genâdenteil (?)
stN.
‘Verteilung der Gnaden’
wem er geit daz ewig hail, / daz geschiecht von seiner
[
seiner fehlt Hs.] genaden tail
Teichn
280,146
MWB 2 445,43; Bearbeiter: Diehl
genâdentisch
stM.
‘Tisch der Gnade’ (bildl. für ‘Angebot der göttl.
Gnade’):
er [Gott] lat úch och geniessen /
der grundlosen guͤeti sin / und raiset uch ain brosemli / hin von den genaden
tischen, / daz wilunt úch ervrischen / in trakait und in unmuͦt
SHort
3569
MWB 2 445,46; Bearbeiter: Diehl
genâdenvaʒ
stN.
‘Gnadengefäß’, übertr. ‘jmd., der voller Gnade
ist’
er [der Einsiedler] was gar ein
genaden vaz Vät
9379;
daz gotes genadenvaz [die hl. Margareta] / was
beide schone unde iunc PassIII
327,84.
421,53
MWB 2 445,52; Bearbeiter: Diehl
genâdenvol
Adj.
‘gnadenvoll’ als Anrede an Maria, übers. lat. gratia
plena ( Lc 1,28, vgl. Salzer, Sinnbilder, S. 565ff.):
do gink in der engel zv ir vnd sprach. aue gnadenvol, der
herre ist mit dir, gesegent bist dv in den wiben EvAug
124,4
(unklar, ob Kompositum, vgl. im selben Zusammenhang
gnâden vol Eckh
2:241,8
)
MWB 2 445,57; Bearbeiter: Diehl
genâdenwërc
stN.
‘Werk der göttl. Gnade’
ein gnâdenwerk, daz got würket Eckh
2:241,9
MWB 2 446,1; Bearbeiter: Diehl
genâdenwîn
stM.
‘Gnadenwein’ (für die göttl. Gnade in der Kommunion):
únser herr Jesu Crist, / der gnaden wines schenker ist
SHort
5608.
5569
MWB 2 446,3; Bearbeiter: Diehl
genâdeviur
stN.
bildl. ‘Feuer der göttl. Gnade’
ich wil ouch sprechen twingen / daz si [die Engel]
uns musten bringen / genadevuer heiz von gote PassIII
577,69;
swelh herze were an sunden balt / unde an genaden vuwere
[l. viuwere
] kalt Vät
15612
MWB 2 446,7; Bearbeiter: Diehl
genâdezît
stF.
unklar, ob Kompositum.
‘Zeit der Gnade’ (bezogen auf das Weltalter sub gratia, vgl.
genâde
1.4
):
jungen und die alten / sont loben, eren sunderlich / vil
zarter, liber herre, dich, / daz wir sin in der gnade zit SHort
5565
MWB 2 446,12; Bearbeiter: Diehl
genædic
Adj.
‘verzeihende Gnade erweisend, barmherzig’ (meist von Gott),
übergehend zu ‘gütig, milde, wohlgesonnen, freundlich’
1 attr. 2 präd. 2.1 ohne Erg. 2.2 mit Dat.d.P. 2.2.1
‘jmdm. verzeihen, vergeben’
2.2.2
‘jmdm. gewogen, wohlgesonnen sein’
2.2.3 bezogen auf die Minnedame ‘jmdm. gewogen sein, jmdn.
erhören’
2.2.4 selten mit Dat.d.S. 2.3 mit präp. Erg. ‘nachsichtig, wohlgesonnen sein’
1
attr.:
der gnâdige got Gen
490;
genædiger unde baremhercer herre dultiger unde vil genædiger
[interl. zu miserator et misericors dominus; paciens et multum
misericors
]
PsM
144,8;
genediger trehtin ReinFu
K,1309;
der guͦte unde der gnadige trehtin JPhys
8,26;
got der gnadige vnd der riche Wernh
D 502;
gnedige frowa daz du dich gewirdigen wollest dinen heiligen sun
zebidene uber mich sundigen menschen VatGeb
13;
o genediger hailant Jhesu Crist HvBurg
4625;
sante Bonifacius, / der marterære gnædic KvWAlex
173;
ElsLA
788,8;
mîn genædigez abgot EnikWchr
14834;
do si horte die gnedigen rede Seuse
381,1.
– als Reverenzbezeugung:
mit dem rate mines genedigen herren von gottes genaden bischof Heinriches
von Kostenze UrkCorp (WMU)
1961,10
u.ö.
– selten metonymisch auf Gottes Wirken bezogen:
als Esau daz erhorte, do erschrei er uil loͮte / ‘gotweiz
uater du solt mir niht uerzihen der genædigen wihe.’ GenM
51,23;
durh den gnadigen rat / den er
[Gott] der werlte hab getan Wernh
D 2622;
zvͦ siner tohter, frowen Mæhthilden, div got in siner gnædigen
gehvͤg mvzz haben UrkCorp (WMU)
N316B,27;
gott und sin genädiger wind GTroj
16352
2
präd.
2.1
ohne Erg.:
got [...] ist guͦt. unte
fruͦt. einualt. mitwari. gnadig. uesti. unt statig JPhys
2,23;
so ist er so gnædich vnde so barmherze
Spec
48,20;
nu ist got sô gnædec und sô guot / und sô reine gemuot
Iw
5357;
herre, ich lobe dich, reiner Krist, / daz dû sô genædic
bist / und alsô grôze güete hâst RvEBarl
14362;
mîn vrowe ist sô genaedic wol, / daz si mich noch tuot von
allen mînen sorgen vrî MF:Mor
24: 2,1;
sît so gar genædig ist dîn minneklicher lîp
SM:KvL
2: 5,4;
tu din dinc mit rate, / wis hart und kunne genedic sin
HeslApk
15463;
Tauler
176,16.
–
die [zur Erlösung
Bestimmten] vindent si [Maria]
gnadich vnde gut Wernh
D 290
2.2
mit Dat.d.P.
2.2.1
‘jmdm. verzeihen, vergeben’
daz si warin nidic / undi niminni gnadich
ÄJud
90;
herre got, wiz mir armen suͤndær genædic
PrOberalt
148,14;
SHort
3890;
daz er uns genadec sî unde uns unsere sunde uergebe
Spec
153,15;
alsô ist unser frawe under allen hailigen uns aller
genædigst BdN
67,25;
Alexander bedâhte sih, / den boten wart er gnêdich
SAlex
1511
2.2.2
‘jmdm. gewogen, wohlgesonnen sein’
her [Rother] was mir ie
genedich vnde got Roth
2245;
daz si dem vremedem kinde / guot unde genædic wæren
Tr
3389;
des helfe mir gelücke, daz si
[Kriemhild] uns [Etzel und seinen
Leuten] genædic müeze sîn NibB
1154,4.
–
‘nu fuͤge got das
ich [Hanna] / mir genedig vinde
dich [Eli] / ze guͦte mir.’
RvEWchr
21850.
– mit Dat.d.P. und präp. Erg.:
dc si [die Richter] uns genedig sin an
v́nsirme rechte UrkCorp (WMU)
902,30
2.2.3
bezogen auf die Minnedame ‘jmdm. gewogen sein, jmdn.
erhören’
ich spriche iemer, swenne ich mac und ouch getar: /
‘vrouwe, wis genaedic mir.’ MF: Reinm
23: 1,2.
29:4,2;
wil si mir genædig sîn, / mit den vogelîn wolde ich
singen SM:WvK
4: 1,5
2.2.4
selten mit Dat.d.S.:
daz er geruͦche sîn sunden genædic [interl.
quo dignetur esse peccatis propicius
]
PsM
H 50,4;
gott von hymmel muß gnedig wesen des guten herren
sele Lanc
44,6
2.3
mit präp. Erg. ‘nachsichtig, wohlgesonnen sein’
daz wir wider ubele sin gnadich VEzzo
132;
vnser herre der almæhtige got der ist vil genædich wider
vns ze allen ziten Spec
48,24;
der stain ist auch guot wider untrew, wider haz und
wider erschrecken, und ist gnædich zuo frid [
ad pacem vero
gratiosus
]
BdN
458,4
MWB 2 446,17; Bearbeiter: Diehl
genædicheit
stF.
‘Barmherzigkeit, Nachsicht’ (meist von Gott):
dv hast dine gnedicheit / vbir mennischen armicheit / baz
irzeigit dan sichein ander Litan
772;
diu genædicheit des almæchtigen gotes
PrOberalt
70,36;
gnaedigôstiu maget, / muoter der erbärmecheit, / wir bitten dîne gnaedecheit /
und die honecsüeze milte dîn WvRh
14690;
swar dîn [Maria] ouge geruochet
sehen, / dâ ist gnâdicheite mêr / denne griezes in dem mer Wernh
515.
– selten auf menschl. Verhalten bezogen ‘im Vertrauen auf
etw.’:
ez ist vil manegem minner leit, / ob ieman sîner vrouwen dienet ûf genædikeit:
/ wand er wil eine ir einer dienen umb ir hulde unt umb ir gruoz RvZw
19,2.
– als Anrede an Alexander (vgl. Anm.z.St.):
nur ich riet deiner genädigkait [
clementiae
vestre
]
HvHürnh
5,2
MWB 2 447,27; Bearbeiter: Diehl
genædiclich
Adj., Adv.
überw. adv. (auch -lîchen), vereinzelt geneden-,
genedenc-.
1
‘vergebend, gnädig, barmherzig’ (meist von Gott), übergehend zu
‘wohlwollend, gewogen’
2
‘mit Neigung, mutwillig’
1
‘vergebend, gnädig, barmherzig’ (meist von Gott), übergehend zu
‘wohlwollend, gewogen’
– adj.:
genædeclîcher trehtîn, / wie vergæze dû mîn sô
Tr
12478;
gnadeclicher herre, / nu gedencke an din ere, / erzaige
dine tugende Rol
8417;
nu schuͤln wir merchen die genædichlich red unsers
schephæres PrOberalt
63,29;
sô hâstuz allez zende brâht / mit gnædiclîcher güete
Wig
6804.
– hierher (? vgl. App.z.St.):
genedenlicher trethin / wer mach geniz uolc sin
Roth
3546.
– adv.:
gnâdichlîchen sprach er zin, hiez si willechomen sîn
Gen
2304;
erhores / gnædicliche umbe unsere ellenten note
Himmelr
12,5;
daz ir genædeclîche an iuwern vîanden tuot
NibB
250,4;
her Îwein, lieber herre mîn, / tuot genædiclîchen an mir
Iw
8123;
unser genade dunket billich, dz wir uns neigen genedenclige gegen der
betliche begirde UrkCorp (WMU)
574,37;
daz wir umb di [...] fumftzehentausent guldein
uns [...] mit in also gnedichlich und friuntlich
berichten wellen UrkFriedb
164
(a. 1348).
– im Minneverhältnis ‘erhörend’
swem ein wîb genædeklîche / fröide gît, des herze ist
ganzer fröide vol SM:WvK
3: 4,6;
genâde sende mir genædeklîchen, / herzeliebe, süezze frowe
reine, sælig wîb! SM:KvL
2: 5,1
2
‘mit Neigung, mutwillig’
du wuͦrdest wol der sunden ein teil lazzen, die du nu vil genedeclichen
tust PrLeys(L)
145
MWB 2 447,43; Bearbeiter: Diehl
genædige
stF.
‘Zuneigung, Gunst’
ích nihabo bihálten nóh réhto giwéret in góte noh an mînemo nâhesten die
réhtun mînna nóh réhta vriuntscaft, nóh [...] wârheit, lob,
gnâdigi, ébenbarmide BambGlB
147,22;
humanitatem: ginadigi vel minna Gl
1:753,54
(BStK637)
MWB 2 448,8; Bearbeiter: Diehl
genædigen
swV.
‘gnädig sein’
durh namen dinen herro gnadiges du, wirdis du gnadich [Doppelgl.
zu propiciaberis
] sunte miner PsWindb
24,11
MWB 2 448,14; Bearbeiter: Diehl |