genædelîchkeit
stF.
‘Gnade, Barmherzigkeit, Güte’ (übers. lat.
indulgentia):
dy michil czal der gutir des husis Israhel, daz er in gegeben
hat nach syner genedelichkeit und nach der menige sinir barmherzikeit
Cranc
Jes 63,7;
in sinir liebe und in sinir genedelichkeit hat er sie irlost
ebd.
Jes 63,9
MWB 2 443,4; Bearbeiter: Diehl
genædelîn
stN.
Dimin. zu genâde.
‘geringes Maß an Gnade, kleine Gunst’ (hier spöttisch):
die Mâze scheident sie [die Tugenden bei der Begegnung mit
Frou Karitas
] hindan, / swenne in ein gnædelîn /
tuot ein kleine fröude schîn, / sô tuont sie reht alsam sie toben LvRegSyon
2981
MWB 2 443,10; Bearbeiter: Diehl
genâdelôs
Adj.
auch genâdenlos (
GFrau
1793
).
‘ohne Gnade, vollkommen (von Gott) verlassen’
do si gotes niht erkante / vnd mit dem gnadelosen man / uon
gote uallen began Wernh
D 2865;
daz din begirlichú gegenwertikeit von mir alles úbel an lib
und an sel vertribe, und die gnadlosen winkel mines herzen mit sinen sundern gnaden
rilich durchgiesse Seuse
395,25.
–
arm vnde gnaden los / vf einer dil er vz swam, / vnz er doch
zv stade quam Herb
17111;
dâ bî hân ich eine klage, / [...] / daz ein wîp sô
lange haldet wider mich ir strît, / der ich vil gedienet hân / ûf genâdelôsen wân
[ohne Hoffnung auf ihre Huld]
Neidh
WL 23:1,7
MWB 2 443,16; Bearbeiter: Diehl
genâdelôse
stF.
‘Gnadenlosigkeit, Gottverlassenheit’
es [das Herz] brichet dú tor uf,
hinder dien goͤtlich leben verborgen ist, daz sint die fúnf sinne. es
beroͮbet blugkeit [Schüchternheit] und bringet
baltheit, gnadlosi und gottes vroͤmdi, des inren menschen lawkeit und des
ussern tragkeit Seuse
221,13
MWB 2 443,29; Bearbeiter: Diehl
genâden
swV.
1
‘jmdm. gegenüber vergebend, gnädig, wohlwollend sein’ (überw. von Gott, oft in der Bitte um Gnade für Verstorbene, meist mit Dat.d.P.) 2
‘danken’
2.1
‘jmdm.’
2.2
‘für etw.’ (mit Gen.d.S.) 2.3
‘jmdm. für etw.’
2.3.1 mit Gen.d.S. 2.3.2 mit Obj.-Satz oder präp. Erg. 2.4 subst.
1
‘jmdm. gegenüber vergebend, gnädig, wohlwollend sein’ (überw.
von Gott, oft in der Bitte um Gnade für Verstorbene, meist mit Dat.d.P.):
du abe herre genade mir [interl. zu tu autem domine miserere
mei
]
PsM
40,11;
so dir gnade der got Abrahames PfJud
15;
herre, in den himelen, gnade vns, behalt vns
Spec
47,17;
warer got gedriet, / din ewicheit genade mir Frl
5:1,11;
do mein hausfrauwͤ frau Ofmey wart der erd bestatt, der got
muͤez gnaden UrkCorp (WMU)
3281,18;
daz sie dan hern Anselmes mines wirtes, deme got genade,
[...] gehuͤknisse begen ebd.
319,13.
–
Blanschefliure, der muoter dîn / und dînem vater Canêle,
/ den genâde got zer sêle / und geruoche in beiden samet geben / daz êweclîche
lebende leben! Tr
4304.
–
Brangæne, sæligiu maget, / nu helfet unde genâdet ir /
iuwerre vrouwen unde mir! Tr
12121;
daz ir helft und rât / und genâdet mir vil armen
Ottok
73775.
– bei der Minnewerbung ‘erhören’
gnâde, vrowe, mir, / der sunnen gan ich dir, / sô schîne mir der mâne
MF:Veld
3:1,10.
– selten mit Akk.d.P.:
do der her kom, sie sprach: ‘ich bit, / her, du genad mich.’
GrAlex
215;
er sprach: ‘her, genad mich. / Darius diener pin ich / und hon daz
zaichen dein / an mir.’ ebd.
1981
2
‘danken’
2.1
‘jmdm.’
er gnâdôt ime duo, sîn oppher brâht er ime sâ
Gen
1674;
Alexander der genâdete in SAlex
4819.
–
er gnadit in vnde neic dare Herb
1208;
diu frouwe gnâte im unde neic Eracl
755.
–
nû gnâdet im ûf sînen vuoz Iw
4780;
mit manegem vuozvalle / gnâdeten si im sêre ebd.
5441;
Lambegus gnadet im und knyet nyder fur yn
Lanc
89,34.
– selten mit Dat.d.S.:
dô daz diu frouwe gesach, / si neic tiefe ze gote / und gnâdete sînem
gebote / mit herzen und mit worten StrDan
1736
2.2
‘für etw.’ (mit Gen.d.S.):
des gnâdet er vlîziclîchen EnikFb
1925
2.3
‘jmdm. für etw.’
2.3.1
mit Gen.d.S.:
des gnadeten ime die livte, / beide wip vnd man
Ägidius
136;
des genâdet er im gnuoc / mit worten und mit muote
Iw
5686;
des gnâter im und bevalch sich got Wig
4430;
di genâdeten alle sêre / Lanzelet der êre
UvZLanz
5367;
sêr genât er im des guotes / und des genædigen muotes
Ottok
5773
2.3.2
mit Obj.-Satz oder präp. Erg.:
got er gnâdôte daz er in sô sciere erhôrte
Gen
978;
zuo der gienc er sitzen / und gnâdet ir vil sêre, /
daz sî sô manege êre / dem hern Îwein sînem gesellen bôt Iw
2723;
umb irn mantel niuwen / genât siu minneclîche / der
küniginne rîche, / diu ir die gâbe sande UvZLanz
6191;
[er] gnadet ir sere das sie yn von lesterlichem
tode erlößt hett Lanc
192,1.
481,30
2.4
subst.:
daz gnâden wart vil manecvalt, / daz er dâ hôrte von in
zwein [dem Burgherrn und seiner Frau]
Iw
5100;
gnade! gnadens ez ist zit HvNstGZ
7174;
[er] tet daz mit einem genadene und bevelhene in ire
miltekeit Seuse
37,16
MWB 2 443,36; Bearbeiter: Diehl
genâdenarm
Adj.
‘gnadenfern, gottverlassen’
so ich mich selben als gnadenarm vant und ich von mime
grossen gebresten nút getorste hin fúr komen zuͦ dem tisch, da liep von liebe
sunder mittel gespiset wirt Seuse
428,6
MWB 2 444,29; Bearbeiter: Diehl
genâdenbære
Adj.
‘gnadenbringend, gnadenvoll’ (lat. gratia plena,
vgl. Salzer, Sinnbilder, S. 565ff.):
die priester schone enphiengent / Mariam und giengent / ze der
vil werden maget schar / und befulchen si mit trúwen dar, / umb das dú gnaden bære /
da ir gespile wære WernhMl
725
MWB 2 444,34; Bearbeiter: Diehl
genâdengunst
stF.
‘Gewogenheit, Wohlwollen’
dignatio: gnâdengunst, geruchunge VocAbstr
372
MWB 2 444,40; Bearbeiter: Diehl
genâdenhalben
Adv.
‘auf Seiten der Gnade’
ich wil genadenhalben stan / und gelaub ich doch an ayn got
Teichn
280,210
MWB 2 444,42; Bearbeiter: Diehl
genâdenhûs
stN.
‘Gnadenhaus’ (übers. lat. propitiatorium in der
Beschreibung der Bundeslade [ Ex 25,17-22]; vgl. LThK 2,794f.; hier bezogen
auf die gesamte Bundeslade ?):
iz waren di zwene cherubin, / di uf deme genadenhuse ho /
stunden so wir lesen in Exodo Brun
4461.
4463
MWB 2 444,45; Bearbeiter: Diehl
genâdenjâr
stN.
‘Gnadenjahr’ (bezogen auf das jüdische Jobeljahr, vgl. LThK
5,854ff.):
ist is, daz der vurste gebit eynim synir sone eyn huys, das
erbe blybit syn und synin sonen und sullin is besitczen erbiclichin. ist is abir,
daz er von synim erbe gybit etzwas eynim synir knechte, deme blibit is bis an das
genodinjar [
annus remissionis
] und kumt wydir
czu dem vurstin Cranc
Ez 46,17
MWB 2 444,51; Bearbeiter: Diehl
genâdenkalp
stN.
Kalb, das zur Erlangung der Gnade geopfert wird (bezogen auf Christus, in
Auslegung von Lc 15,23
vitulum saginatum, vgl. App. und Anm.z.St.):
mit dirr [vorangehenden] red ús,
herre, twing, / daz állú súntlichú ding / von ir [der
Welt] in úns ersterben / und wir mit ir erwerben / dich
gnadenkalb, daz vaist, / so daz si dich nu raisse / ze vatterlicher gúeti
SHort
4377
MWB 2 444,59; Bearbeiter: Diehl
genâdenrîche
Adj.
unklar, ob durchgängig Kompositum.
‘gnädig, gnadenvoll’
ist nit billich, daz ich disen himelschen gnadenrichen knaben
lieb habe Seuse
32,8.
137,14;
o gnaden richer, werder gott, / vertrib der starken túffel
kräfft MinneR37
239.
–
‘von Gnade erfüllt’
sin [des Jünglings Abraham]
gnadenrichez mere, / wie tugenthaft er were, / brach heruz und erschal / in der
wuste uberal Vät
30891;
eya lieber Jhesu, nu lone es inen allen lieplich, die mir hie
schenkent bitterkeit, wan si machent mich gnadenrich Mechth
2: 24,24.
– bezogen auf das Minneverhältnis:
ir sît doch genâden rîche: / tuot ir mir ungenædeklîche, / sô sint ir niht
guot Walth
52,12;
hilf, genâderîchez wîb! / herzentrût, mir sorge wende: / mîn
vil liebez lieb, daz guote, / ungenâde mir vertrîb! SM:KvL
22: 5,3.
9:4,4
MWB 2 445,3; Bearbeiter: Diehl
genâdenrîchkeit
stF.
‘Gnadenfülle’
eya, schoͤnú, minneklichú ewigú wisheit, dero
gnadenrichkeit nit glich ist in allen landen Seuse
151,7
MWB 2 445,20; Bearbeiter: Diehl
genâdenschüʒʒel
stF.
bildl. ‘Gefäß für den Empfang himmlischer Gnade’
kuͤnginne, [...] ! / wis mich
zu der kammer / mit diner wishait sluͤzzel, / daz mir gnaden schuͤzzel
/ dar inne gefuͤllet werde WhvÖst
14412
MWB 2 445,23; Bearbeiter: Diehl
genâdensol
stF.
‘Schuhsohle aus Gnaden’ (bildl. für göttl. Hilfe auf dem Weg
zum ewigen Leben, vgl. Anm.z.St. und Eph 6,15):
[sie] volgent dir ain horne [Einhorn als
Sinnbild Christi] / dur bremen, distel, dorne / des jamers dez dú
welt ist vol. / uf dine vart ain gnaden sol / got mir und in berait
SHort
3962
MWB 2 445,28; Bearbeiter: Diehl
genâdenstôʒ
stM.
‘Anstoß der Gnade’ bildl. für die Anregung zur Hinwendung zur
göttl. Gnade:
ein mensch in sunden groz, / dem got git einen gnadenstoz, /
daz er zuͦ gnaden keret / unde gotes willen leret Vät
30580;
nu vugete sichz, daz im [dem Schüler] quam / anz
herze ein genaden stoz, / in dem der werlde in verdroz, / di im swachte sin leben
MarLegPass
21,71
MWB 2 445,35; Bearbeiter: Diehl
genâdenteil (?)
stN.
‘Verteilung der Gnaden’
wem er geit daz ewig hail, / daz geschiecht von seiner
[
seiner fehlt Hs.] genaden tail
Teichn
280,146
MWB 2 445,43; Bearbeiter: Diehl
genâdentisch
stM.
‘Tisch der Gnade’ (bildl. für ‘Angebot der göttl.
Gnade’):
er [Gott] lat úch och geniessen /
der grundlosen guͤeti sin / und raiset uch ain brosemli / hin von den genaden
tischen, / daz wilunt úch ervrischen / in trakait und in unmuͦt
SHort
3569
MWB 2 445,46; Bearbeiter: Diehl
genâdenvaʒ
stN.
‘Gnadengefäß’, übertr. ‘jmd., der voller Gnade
ist’
er [der Einsiedler] was gar ein
genaden vaz Vät
9379;
daz gotes genadenvaz [die hl. Margareta] / was
beide schone unde iunc PassIII
327,84.
421,53
MWB 2 445,52; Bearbeiter: Diehl
genâdenvol
Adj.
‘gnadenvoll’ als Anrede an Maria, übers. lat. gratia
plena ( Lc 1,28, vgl. Salzer, Sinnbilder, S. 565ff.):
do gink in der engel zv ir vnd sprach. aue gnadenvol, der
herre ist mit dir, gesegent bist dv in den wiben EvAug
124,4
(unklar, ob Kompositum, vgl. im selben Zusammenhang
gnâden vol Eckh
2:241,8
)
MWB 2 445,57; Bearbeiter: Diehl
genâdenwërc
stN.
‘Werk der göttl. Gnade’
ein gnâdenwerk, daz got würket Eckh
2:241,9
MWB 2 446,1; Bearbeiter: Diehl
genâdenwîn
stM.
‘Gnadenwein’ (für die göttl. Gnade in der Kommunion):
únser herr Jesu Crist, / der gnaden wines schenker ist
SHort
5608.
5569
MWB 2 446,3; Bearbeiter: Diehl
genâdeviur
stN.
bildl. ‘Feuer der göttl. Gnade’
ich wil ouch sprechen twingen / daz si [die Engel]
uns musten bringen / genadevuer heiz von gote PassIII
577,69;
swelh herze were an sunden balt / unde an genaden vuwere
[l. viuwere
] kalt Vät
15612
MWB 2 446,7; Bearbeiter: Diehl
genâdezît
stF.
unklar, ob Kompositum.
‘Zeit der Gnade’ (bezogen auf das Weltalter sub gratia, vgl.
genâde
1.4
):
jungen und die alten / sont loben, eren sunderlich / vil
zarter, liber herre, dich, / daz wir sin in der gnade zit SHort
5565
MWB 2 446,12; Bearbeiter: Diehl |